Terrorwarnung in Hannover: Sich wehren oder verkriechen?


ASV-Jugendleiter Manfred Schmidt hat die Absage des DFB-Länderspiels ganz nah miterlebt.

Bereits letztes Jahr wurde Manfred Schmidt vom DFB zum Bayerischen Ehrenamtspreisträger 2014 gewählt. Und damit erstmals ein Mittelfranke. Jetzt waren er und eine Auswahl aus den bundesweiten Fußballkreisen, als „Club 100“ bekannt, vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) nach Hannover zur Ehrungsveranstaltung und zum abendlichem Freundschaftsspiel Deutschland–Niederlande geladen. Er erlebte eine Situation, wie er sie sich im Traum nicht hätte vorstellen können.

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Schon bei der Zugfahrt nach Hannover, auf der ihn seine Frau Christa begleitete – die Ehefrauen des „Club 100“ waren auch eingeladen – war Manfred Schmidt „nicht ganz wohl“. Seine Frau beschwichtigte, schließlich hatte er sich noch vor zwei Wochen so sehr auf das Länderspiel gefreut. Man hätte laut des vorliegenden Sitzplans im Stadion genau gegenüber der Kanzlerin und ihrem Kabinett gesessen. Aber dann, als Paris von Terroranschlägen heimgesucht wurde, war die Stimmung im Fußball, plötzlich anders, auch die seine. Neben gedämpfter Freude war bei ihm eher eine „innere Verbundenheit zu den Geschehnissen in Paris entstanden“. Ob Deutschland gewinnt – egal. Die bisherige Rivalität zu Holland war in den Hintergrund getreten. „Wir waren da, um den Zusammenhalt zu demonstrieren“.

Die DFB-Veranstaltung, bei der dazu uch eine Fair Play-Medaille an Profi- und Amateurfußballer verliehen wurde, war perfekt und minutiös organisiert und versprach einen erlebnisreichen Tag und Abend. Gastgeber Reinhard Koch, Vize des DFB und Präsident des Süddeutschen Fußballverbands, konnte neben vielen Funktionären auch Bibiana Steinhaus, die einzige Schiedsrichterin, die auch die Bundesliga der Herren pfeifen darf und den bekannten Schiedsrichter Knut Kircher begrüßen. Nach dem Willkommen und Imbiss im Hotel ging es dann für die etwa 250 Ehrengäste in festlicherSchwarz/Weiß-Kleidung  in sieben Bussen zur Ehrungsveranstaltung mit Reden, Essen und Varieté-Show ins GOP Varieté Theater. Selbst das spätere Umziehen in Stadion gemäße Kleidung hatte der DFB generalstabsmäßig vorbereitet und dafür 15 Minuten eingeplant. Auch wer in welchem Bus sitzen sollte. Als dann die Busse bereits unterwegs waren, kamen erste Meldungen über Handy, das Spiel sei abgesagt. Kurz danach bestätigte Dieter Habermann, für Bayern und Deutschland zuständiger Ehrenamtsbeauftragter, die Meldung. Unruhe entstand. Der Konvoi drehte. Es ging zurück zum Messegelände ins Hotel.

„Was ist los? Kann uns auch hier was passieren?“ Dies waren die ersten Gedanken von Manfred Schmidt, während seine Frau es nicht recht glauben wollte. Hatten sie doch eben erst neben anderen kleinen Erinnerungsgeschenken speziell auf das Länderspiel abgestimmte Schals bekommen. Angst hatte sie keine, erzählt sie. Empfand die Situation eher als „unwirklich“. Vor allem als später acht Polizeibusse mit Sirene und Blaulicht vorfuhren und sich die schwarz gekleideten Bewaffneten eines Sondereinsatzkommandos vor dem Eingang und um das Hotel verteilten. Noch in der Empfangshalle kam von Dieter Habermann die Order, in den ersten Stock zu gehen und dort zu bleiben. „Warum sperren die uns da ein“, schoss es Manfred Schmidt durch den Kopf. „Warum eine solche Maßnahme in einem Hotel so weit draußen? Gibt es konkrete Hinweise, uns so abzuschotten? Vielleicht einen Anschlag auf den DFB?“ Genaueres erfuhr er nicht. Nur, dass der DFB sich für die Gäste verantwortlich fühle und „sie gesichert wissen“ wolle.

Schmidt verspürte ein „ungutes Gefühl“. Und dennoch, so stellte er hinterher fest, gab ihm die Präsenz der Polizei eine gewisse Sicherheit. Das mag für viele Gäste gegolten haben, die lebhaft diskutierten, ob es richtig oder falsch war, das Spiel abzusagen. Schmidt empfand die Entscheidung als richtig. Denn wenn tatsächlich Gefahr im Verzug war, dann musste man handeln. Endlos auch die Diskussion, ob die Deutschen sich angesichts der Bedrohung wehren oder verkriechen sollten. Die Mehrheit sei fürs „Wehren“ gewesen. Ohne Aggression, schon gar nicht mit Gewalt. Vielmehr derart, dass man sich vom Terror nicht einschüchtern lässt, dass man mutig Flagge zeigt und weiterhin am öffentlichen Leben, ob Kultur oder Sport, teilnimmt. Auch Manfred Schmidt stimmte dem zu. „Da, wo es angebracht ist!“

Die Stimmung im ersten Stock des Hotels blieb gedrückt. Auch wenn der DFB alles getan habe, lobte der Eingeladene, mit einem Zauberer, einem Schattenspieler und dem vorgezogenen Mitternachtssnack abzulenken und tatsächliche Sicherheit zu geben. Nach einer dennoch unruhig verbrachten Nacht machte sich das Ehepaar dann am Vormittag allein auf den Weg zum Bahnhof. Das Sonderkommando war abgezogen. Auf den Straßen war dagegen noch überall Polizei präsent. In Hannover galt weiterhin der Alarmzustand.

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