Die Fränkische Tracht – ein bedrohtes Kulturgut?


Die Tracht. Sie wird neuerdings wieder nicht nur bei ländlichen Kirchweihen, sondern auch bei großen Volksfesten wie dem in Nürnberg, dem Oktoberfest und der Bergkirchweih getragen. Was man dort aber sieht, hat im eigentlichen Sinn nichts mit traditionellen Trachten zu tun. Beim Fränkischen Bund rügte man die Entwicklung schon 2012 als „Seppl-Chiemsee-Norma“-Landhausmode,

Der Zeitgeist kollidiert zusehends mit der Tradition. Die einen wollen die Tracht als Kulturgut bewahren, die anderen sie als Relikt einer früheren, vermeintlich heilen Welt modisch angepasst mit der Gegenwart verlinken. Dazu mit Blick auf Oberbayern. Das aber hat mit der fränkischen Tracht nichts zu tun. „Wer bei der Bergkirchweih mit Mini-Dirndl und Seppl-Hose herumläuft, hat von der Geschichte Frankens keine Ahnung“, schimpfte der inzwischen zurückgetretene Vorstandssprecher des Fränkischen Bunds, Joachim Kalb.

Und fand überregionales Presse-Echo. Denn die Tracht in Franken ist anders, von einer kleinteiligen Vielfalt geprägt, mit Wurzeln im Barock. Noch im 19. Jahrhundert stand sie für die regional begrenzte, typische Kleidung der ländlichen Bevölkerung, der Stände und Berufe. Im 20. Jahrhundert war die Tracht kulturell bereits eher eine historische Kleiderform. Da sie aber im ländlichen Raum weiter Bestand hatte, diente sie schnell der Unterscheidung zwischen bäuerlicher und städtischer Kultur. Auch die Konfession spielte eine Rolle. Der Charakter der evangelischen Tracht war schlichter, in gedeckten Farben, mit einheitlichen Schnitten, der Schmuck einfacher gehalten. Die der Katholiken dagegen farbenprächtig, auch auffallender und vielfältiger. Die Tracht gab damit über Generationen hinweg durch die Art sich zu kleiden, Auskunft zur Person, die sie trug – über deren gesellschaftliche Stellung wie finanzielle Situation. Auch zur Region. In Mittelfranken herrschte nach Meinung des Fränkischen Bunds die dunkel-lilafarbene Frauentracht mit langem Rock und Schürze vor, die Männer trugen als Kopfbedeckung den traditionellen Dreizack. Und keineswegs Hornknöpfe wie in Bairischer Tracht, sondern zwingend fränkische Metallknöpfe.

Zur Tracht im Seebachgrund hat schon Friederike Pfeiffer im „Weisendorfer Boten, 1999“ geschrieben. Karoline Schmidt, Mitglied der Seebesgründer Trachtengruppe, lud vor Monaten zu einer sehenswerten und kundigen Powerpoint Präsentation zum Thema. Und Cäcilia Paulus, die Vorsitzende der Seebesgründer Trachtengruppe, beschäftigt sich seit jeher mit der Tracht ihrer Heimat und hat viel Erlebtes und Fotos zu den Dokumentationen beigesteuert. Zur katholischen Tracht, wie sie in Großenseebach, Heßdorf und Hannberg – den drei Gemeinden der Pfarrei Hannberg -, in Büchenbach, Röttenbach und Dechsendorf getragen wird.

Die Festtagstracht, die die Mädchen zur Erstkommunion von der Patin bekamen, war so gearbeitet, dass sie immer wieder erweitert werden konnte und bis zur Hochzeit passte. Zur kompletten Ausstattung gehörte die fast bodenlange Festtagstracht mit besonderer Schürze, die Sonntagstracht mit schöner Schürze für die Kirche, die etwas weniger aufwendige Sonntagnachmittagstracht, dazu jeweils die Samtjacke. Es gab die Hochzeitstracht mit blauer Schürze und Tuch aus Seide, dazu einen üppigen Brautkranz. War die Braut schwanger, musste sie ein Kopftuch tragen. Die schwarze Trauertracht, die so lange zu tragen war, wie es der Grad der Verwandtschaft vorgab, wurde von Angehörigen und Nachbarn streng überwacht. Die werktägliche Arbeitstracht war aus einfachen Baumwollstoffen genäht. Ein Kopftuch war obligatorisch und dem jeweiligen Anlass stofflich angepasst. Dazu so im Nacken gebunden, dass keinerlei Haar zu sehen war. „Maicherla“ nannte man es. Der Ausdruck war in der Stadt noch Ende des letzten Jahrhunderts oft etwas abfällig namengebend für ein Mädchen vom Land.

Über dem Rock trug man an Sonn- und Feiertagen bunte Seidenschürzen, die rote war den Mutter Gottes-Trägerinnen bei Festzügen vorbehalten. Unter dem Rock trug die Frau stets zwei Unterröcke; sonntags einen weißen, roten oder blauen, an Festtagen dazu die sogenannte Stehprunzerhose mit einem mittigen großen Loch. Ansonsten verzichtete sie auf eine Unterhose, trug werktags gestreifte Unterröcke, braune gestrickte Strümpfe und sonntags schwarze. Den Oberkörper bedeckte ein Hemd, darüber sonntags einen bestickten Samt„leib“, eine Art ärmelloser Bolero, der werktags aus einfachem Stoff geschneidert war.

Die Männer des Seebachgrunds hatten keine Tracht. Meistens trugen sie am Hemd einen Stehkragen, darüber eine Joppe, eine schwarze Hose und einen breitrandigen Hut. Bei der Hochzeit war der Mann im Seebachgrund mit Gehrock und Zylinder ausgestattet. Die letzte Braut in alter Tracht ist in den Annalen im Jahr 1942 vermerkt. Eine spezielle Tracht für Großenseebach ist allerdings auch nicht überliefert.

Ab den 1920er-Jahren änderten sich dann auch im Seebachgrund die Regeln. An der Kommunion nahmen zusehends weniger in Tracht gewandete Mädchen teil. Nur beim „Maier raustanzen“ zur Kirchweih hielt sich in Großenseebach die Tradition bis heute, dass die Burschen eine von ihrem Madla reich bestickte oder mit Blumen geschmückte weiße bodenlange Schürze, den „Blootzscherzer“, tragen. Bei den Madla hatte sich dagegen schon 1930 das „Städtische“ bei fast allen durchgesetzt, wie Fotos belegen. Die Alten hielten länger fest an der Tradition. Noch 1950 posierten die Großeltern von Cäcilia Paulus in der Sonntagstracht. Die Großmutter mit Maicherla, der Großvater mit Anzug, Hut und Krawatte. Mit der Zeit jedoch wurden die Trachtenstoffe bunter, waren auch aus Kunstfasern. Das Maicherla trug man nur noch in der Kirche. Daheim oder auf dem Feld gab es zwar noch das Kopftuch, jetzt aber unter dem Kinn gebunden, so dass das Haar herausschaute. Auch die Rocklänge wurde kürzer. Nur bei Festumzügen in der nahen und weiteren Region ist heute die Seebesgründer Tracht noch zu sehen. Ein Kopftuch, egal wie gebunden, tragen die Frauen allerdings nicht mehr.

Und was ist mit Weisendorf? Hat es hier  eine Tracht gegeben? Die Fotos sagen Nein. Selbst 1929 gab es beim „Betzn raustanzen“ keine Tracht. Die Madla auf dem Marktplatz trugen helle Kleider, die Burschen einen dunklen Anzug mit Blumensträußchen im Knopfloch. Weshalb? Weil die Tracht stets Merkmal eines gewissen Wohlstands war. Einer Bäuerin, einer reichen Handwerkersfrau. Die Weisendorfer aber arbeiteten in der Regel beim Gutsherren, waren arme Tagelöhner. Zudem war Weisendorf mit der Reformation evangelisch geworden. Nur eingeheiratete katholische Frauen trugen zuweilen Tracht, erinnert sich Karoline Schmidt an ihre frühe Kindheit. Auch an einige Trachtenträgerinnen in den damals noch nicht eingemeindeten Orten Buch, Reuth und  Nankendorf.

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2 Kommentare

  1. appelt · · Antwort

    Hallo !

    Der Franke trägt einen Dreispitz keinen Dreizack , den trägt nur Neptun und den auch nicht auf den Kopf . 🙂
    Mann trug ( trägt ) aber auch Schaufelhut , Burschenkappe etc..

    Danke für den Artikel !

    W. Appelt

    1. Natürlich war das ein Fehler. Vielen Dank für den Hinweis.

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