Die von Gagern und ihr Schloss – eine Geschichte von kalten Fluren und verwirrten Radfahrern


Die Nordfront des Schlosses. Lnks das Hochschloss, der älteste Teil, rechts der neuere, bereits renovierte. Dazwischen das Schlosstor, bei dem man zur Erinnerung an die ehemalige Zugbrücke oben mit dem rechteckigen, gelben Rahmen den Bereich betont, in den die hochgezogene Brücke eingerastet ist.

Die Nordfront des Schlosses. Lnks das Hochschloss, der älteste Teil, rechts der neuere, bereits renovierte. Dazwischen das Schlosstor, bei dem man zur Erinnerung an die ehemalige Zugbrücke oben mit dem rechteckigen, gelben Rahmen den Bereich betont, in den die hochgezogene Brücke eingerastet ist.

Vor 850 Jahren tauchen in Urkunden erste Hinweise auf eine Burg auf, das spätere Schloss Neuenbürg. Auch die Wurzeln des heutigen Schlossherren reichen weit in die Vergangenheit zurück. Sicher mit ein Grund, warum Max Freiherr von Gagern das altehrwürdige Schloss mit viel ideellem und finanziellen Aufwand und dazu behutsam zum Wohnen auf den Stand des 21. Jahrhunderts bringen lässt. Darüber erzählte er im Gespräch mit Ingas-blog.com.

Das Adelsgeschlecht derer von Gagern – ursprünglich aus Flandern – wird erstmals 1316 in Urkunden zu Rügen erwähnt. Im 15. Jahrhundert teilt sich das Geschlecht in zwei Linien. Max von Gagern zählt sich  zum süddeutsch/österreichischen Zweig, der im 18. Jahrhundert zunächst durch eine Heirat in die Rheinprovinz begründet wurde. Nachkommen erwarben dann Besitztümer in Bayern und Österreich. Generale, Admirale, bekannte Politiker stammen aus dieser Linie. So Heinrich von Gagern, der 1848 der erste Präsident der Deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche war. Sein erstgeborener Sohn Friedrich (später Mitglied des Deutschen Reichstags) war es, der 1872 Schloss Neuenbürg kaufte. Vorher war es durch viele Hände gegangen. Acht Vorbesitzer zählt Max von Gagern auf.

Die hölzernen Bleiglasfenster mit Eisenriegel aus dem 17. Jahrhundert mussten aus Denkmalschutzgründen erhalten bleiben. Ihnen zum Wärmeschutz vorgesetzt wurden jetzt neue unauffällige Winterfenster aus Holz. In den 1970/80ern fehlten sie noch im Gang mit Sicht auf den Innenhof, wenn es zum Badezimmer ging.

Die hölzernen Bleiglasfenster mit Eisenriegel aus dem 17. Jahrhundert mussten aus Denkmalschutzgründen erhalten bleiben. Ihnen zum Wärmeschutz vorgesetzt wurden jetzt neue unauffällige Winterfenster aus Holz. In den 1970/80ern fehlten sie noch im Gang mit Sicht auf den Innenhof, wenn es zum Badezimmer ging.

1388 brannte die Neuenbürg erstmals im Städtekrieg. Auch die riesige Vorburg war verwüstet. 1449 wurde die Neuenbürg zum zweiten Mal zerstört. Es wären stets die Nürnberger als Freie Reichsstadt gewesen, die sich mit dem Markgrafen anlegten, indem sie möglichst viele Rittersitze seiner Gefolgsleute zerstörten. Darin sind sich Freiherr und Geschichtsschreibung einig. Im Dreißigjährigen Krieg dagegen, blieb die Neuenbürg vor Schaden verschont. Der damalige Truchsess, ein Franke, soll die Neuenbürg vor der Zerstörung bewahrt haben, indem er seine Hand über sie hielt. Zudem lag das Ensemble abgelegen, von der Straße aus nicht zu sehen. Und es war erheblich geschützt. Denn das erhöht liegende Schloss war mit einem Wassergraben umgeben, einer noch im 17. Jahrhundert existierenden Zugbrücke – ihr Umfang ist am Mauerwerk oben in den Ecken des Tors zu erkennen -, die später durch eine Holzbrücke ersetzt wurde. Heute reicht die schon damals aufgeschüttete Rampe bis zum Schlosstor. Einen zweiten Wassergraben, der noch immer bei der Zufahrt zum Schloss am Rand des Parks zu erkennen ist, gab es vor der sogenannten Vorburg, einer gewaltigen Wehrmauer, die beim Angriff 1388 zerstört wurde.

Wieder aufgebaut hielt sie dagegen später einem Angriff der Nürnberger stand. 30 Tage hatten sie die Vorburg belagert, dann zogen sie ab. Auch Hannberg kam zum Besitz. Gibt es von der alten Burg einen unterirdischen Zugang aus dem 12. Jahrhundert zur neuen, der Neuenbürg? Bisher hat man in Hannberg nur einen Eingang zu einem Gang gefunden, weiß Max von Gagern. Sicher ist dagegen, dass seine Vorfahren in der Wehrkirche ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Ein Ereignis in der Geschichte des Schlosses tut dem Freiherrn besonders weh: das Fehlen sämtlicher Urkunden. Grund ist im Jahr 1865 das finanzielle Aus des Schlossbesitzers. Als Folge lässt von 1865 bis 1867 die Konkursverwaltung das Schloss leer räumen, auch das Schlossarchiv. Fürther Juden sollen es, so der Freiherr, als Altpapier verkauft haben – Pergament war sehr wertvoll. Für die nächsten fünf Jahre findet sich für das Schloss ein neuer Besitzer, 1872 zieht dann die Familie von Gagern ein. Seitdem wurde der Besitz durch Erbfolge weitergegeben.

Vom Ende des Zweiten Weltkriegs an bis Anfang der 1950er-Jahre betreiben Großtanten von Max von Gagern auf Neuenbürg ein Heim für adelige Witwen. Ihre jeweiligen Zimmer sind noch heute nach ihnen benannt. Zwischen 1960 und 1970 steht das Schloss meistens leer. Nur im Sommer kam man aus Köln, sich um den Besitz zu kümmern. Bis dann die gesamte Familie ins Schloss zog, wo Max von Gagern auch geboren ist und mit den Geschwistern die Kindheit verbrachte. Das Hochschloss aber, der älteste Teil der Anlage, war damals komplett nicht bewohnbar, da ohne Heizung und auch renovierungsbedürftig.

Das Leben im neueren Teil des Schlosses beschreibt der Freiherr als „recht bescheiden“. Kalt war es im Schloss, besonders im Winter. Die Mauern waren zwar dick, die Fenster dagegen dünn und alt, der Weg zum Bad weit. Auf dem dorthin führenden Flur hatte es fünf Grad Lufttemperatur! Nur drei Zimmer von den ungefähr 25 –  Wohnzimmer, Elternschlafzimmer, Kinderzimmer – waren in den 70er-Jahren mit Heizkörpern ausgerüstet. Dazu gab es Im Badezimmer einen Elektrostrahler. Von „herrschaftlichen Wohnbedingungen“ also keine Spur. Auch, wenn die Möblierung inzwischen wieder bis ins 16. Jahrhundert reichte und sogar Möbel aus Venedig in den Salons standen. Heute ist eine Zentralheizung installiert. Man heizt mit Biomasse, Hackschnitzeln aus den eigenen Wäldern. Inzwischen sind alle Räume renoviert, nachdem Vater Elger von Gagern sie zunächst auf 70er-Jahre-Standard gebracht hatte.

Das Familienwappen der von Gagern.

Das Familienwappen der von Gagern.

Vor vier Jahren ist Max von Gagern nach dem Tod des Vaters aus München zurückgekommen, auch wenn er als Werbefilm-Produzent dort besser aufgehoben gewesen wäre. Im Tross dabei Ehefrau Irina, geborene Freiin von Hornstein, und die drei Kinder Elisabeth (10), Amelie (8) und Ludwig (5). Sie fühlen sich wohl auf und in Neuenbürg und im weiten Areal des Schlossparks, genießen die Weite draußen vor dem Schloss. Auch Max von Gagerns Mutter, Sybille Freifrau von Gagern, die im renovierten Hochschloss wohnt. Von ihr gibt es eine nette Begebenheit zu berichten. Der Bereich neben dem Schlosstor ist stets mit einer Sitzgarnitur möbliert. Dort, ganz oben auf der Rampe, die zum Tor führt, hat man einen wunderbaren Blick. Das dachten sich eines Tages wohl auch Radfahrer, die auf ihrer Tour im Schlosspark gelandet waren. Sie ließen sich neben dem Schlosstor nieder und bestellten bei Sybille von Gagern. Die kam ihren Wünschen freundlich nach. Erst als sie zahlen wollten, erfuhren die unverhofften Gäste, dass sie auf Privatbesitz und keineswegs im öffentlichen Café gelandet waren. Und von einer Baronin bedient worden sind. Es war ihnen fürchterlich peinlich.

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