Wie Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren – und in Weisendorf eine neue fanden


Der Zweite Weltkrieg war nicht nur verloren. Er hatte Leben gekostet, die Heimat geraubt, den Besitz zerstört, Familien zerrissen. Viele waren aus dem Osten geflüchtet und wussten nicht, wo die Angehörigen geblieben waren, ob sie noch lebten. Für die Kommunen im Westen war die amtliche Zuteilung der Flüchtlinge ein Problem: Wo sollten sie untergebracht, wie versorgt werden?

Schon in der ersten Sitzung März 1946 beschlossen die neuen Gemeinderäte, dass jeder Saal mit Flüchtlingen zu belegten ist. Die zum Schloss gehörenden Dienstwohnungen im Bräuhaus, heute Hotel Jägerhof, waren genauso betroffen wie private. Eine Gemeinschafts- und Waschküche, eine eigene Siedlung waren für die Flüchtlinge angestrebt, der Rat mühte sich trotz der ablehnenden Reaktion der Bevölkerung. Genauso hielt er aber fest, dass der bescheidenen Wohnkapazität wegen die Belegung mit Flüchtlingen 60 Prozent nicht übersteigen dürfe. Da dazu der finanziell schwach gestellte Marktort an der „Flüchtlingsfürsorge“ von 700 Reichsmark (RM) pro Monat beteiligt war, beantragte man beim Fürsorgeamt, keinesfalls arbeitsfähige Personen zu unterstützen, berichtet die im Jahr 1988 verfasste Weisendorfer Chronik.

Dabei wollten die Flüchtlinge und später Vertriebenen durchaus arbeiten. In Weisendorf und Ortsteilen hatten sie gute Chancen, waren sie doch im stark landwirtschaftlich geprägten deutschen Osten meist selbst Eigentümer oder zumindest Landarbeiter. Sehr gern gesehen waren sie, wenn sie Fahrzeuge mitbrachten. So wie die Gäberts, die im Februar 1945 aus Schlesien kamen und den vierwöchigen Treck mit einem alten Lanz-Bulldog bewältigten. Vier Familien, zunächst ohne Väter, waren auf dem Hänger, berichtet Helmut Gäbert zur Flucht mit Mutter, zwei Schwestern und einem Bruder – er selbst war damals sechs Monate alt. Ein Jahr waren die Gäberts in Sauerheim einquartiert, dann zogen sie in die Schloss-Ökonomie. Zu sechst wohnten sie im ersten Stock gegenüber dem Turm, unter ihnen die Kühe, daneben die Waschküche mit Blechbadewanne, außerhalb ein Plumpsklo. Die Eltern fanden auf dem Guttenberg’schen Schlossgut Arbeit, der Vater als gelerner „Schweizer“ (Melker) im Stall. Auch der Bulldog tat beim Gut noch lang seinen Dienst. Trotz der Wohnverhältnisse erinnert er sich gern an die Zeit, als er im Schlossgarten mit dem damals kleinen Enoch und später berühmten Dirigenten zu Guttenberg gespielt hat. Oder in das Altenheim im Schloss zur monatlichen Filmvorführung durfte.

Flüchtlinge wurden als „Zigeuner“ beschimpft

Großeltern und Mutter von Horst-Dieter Jergus waren bereits vor 1945 mit Wagen und Pferd von Schlesien in die Tschechei geflüchtet, sie wollten nach Kriegsende wieder nach Hause. Wegen der dortigen Kriegswirren kehrten sie wieder zurück, mussten nun im eigenen, inzwischen besetzten Haus in nur einem Zimmer leben. Und wagten 1945 erneut die Flucht vor den Russen – per Treck gen Westen, Ziel Hameln. Die Eltern verloren den Kontakt. Bis der Vater mit Hilfe des Roten Kreuzes und einer Tante in Berlin seine Frau wieder fand. Zuvor hatte ihn 1946 ein Kamerad aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft mit nach Sauerheim genommen, wo er bald als Landwirtschaftshelfer arbeitete. 1948 fand das sich wieder gefundene Ehepaar in Sintmann Unterkunft, 1950 dann mit inzwischen zwei Kindern in Rezelsdorf. Bei Familie Zink einquartiert hatten sie sich in zwei Zimmern stets „gut untergebracht gefühlt“, erzählt Jergus. Überall sei das jedoch nicht gewesen. Sogar als „Zigeuner“ wären die Flüchtlinge beschimpft und aufgrund ihres Könnens erst allmählich akzeptiert worden. 1958 ging es nach Weisendorf.

Auch die Familie Wirtz hatte an eine Rückkehr nach Süd-Ungarn geglaubt, wohin die Vorfahren vor 200 Jahren ausgewandert waren. Als November 1944 dann die Evakuierung angeordnet war, flüchteten Urgroßmutter, Mutter und Kinder per Zug. Die Großmutter aber fuhr mit zwei Pferden und Planwagen im Treck, beladen mit Futter, Kleidung, Betten, wertvollen Gegenständen, sogar einem Radio und Nachbarin mit deren Hausrat. Unterwegs oft von Tieffliegern angegriffen und ein Zugpferd verloren, kam auch die Großmutter Ende 1944 nach Niederbayern, wurde wie andere zur Feld- und Hausarbeit eingeteilt. Auch das Pferd kam zum Einsatz. Der Wagen war im Schuppen deponiert, sollte sie nach Kriegsende zurück nach Süd-Ungarn bringen. Erst 1954 zog die Großfamilie nach Weisendorf, in der Hoffnung in der Region andere Arbeit zu finden. Der Wagen kam in Einzelteile zerlegt mit, heute glänzt er in der Weisendorfer Museumshalle.

Handwerker hatten den besseren Start

Andere Arbeit anstatt der Landwirtschaft gab es in der Nachkriegszeit im Marktort für Flüchtlinge kaum. Im Tanzsaal des „Schwarzen Adler“ (Haus Stürmer) wurden auf amtliche Verordnung hin zwar Taschen und Hausschuhe aus Stroh hergestellt, bei der Oberlindacher Lehmgrube gar ungebrannte Backsteine gefertigt, die meisten verstanden dies aber als Beschäftigungstherapie. Besser waren jene daran, die handwerkliche Fähigkeit aus dem Osten mitbrachten. So waren etliche Schneider aus dem Sudetenland und ein Schuhmacher im Marktort gleich wieder tätig.

Wer vor Ort nichts fand, der bekam in Erlangen Arbeit, bei Siemens und der ehemaligen Baumwollspinnerei Erba, auch die ihrem Elternhaus zugewiesenen Flüchtlinge, erinnert sich Zeitzeugin Gretel Mack. Sie fuhren täglich mit dem Fahrrad dorthin. Waren die Flüchtlinge mit der Zeit aufgenommen? Es lag an ihnen selbst, an ihrem Verhalten, so das Urteil. Bei den Macks lebten sie wie in der Großfamilie mit in der guten Stube. Andere traten überheblich auf, stellten Ansprüche und verletzten Einheimische mit Sätzen wie „Wir haben euch die Kultur beigebracht“. Zeitzeuge Christoph Maier erinnert sich an Positives wie Negatives. Die einen hätten mit ihrem verlorenen Eigentum geprahlt. Andere hätten sich schnell integriert, kamen bald in die Wirtschaft zum Karteln oder zum Fußball.

Nicht alle sind in der Region geblieben oder haben wie die Geigenbauer in Bubenreuth in neues Zentrum ihres Könnens aufgebaut. Eine Großfamilie aber hat im Marktort dennoch Großes geleistet, worüber die Presse schon vor einigen Jahren berichtet hatte. Die Kaufmannsfamilie Zwingel nämlich, die 2010 auf eine 111-jährige Tradition zurückblickte. Schon In Böhmen hatte Urgroßvater Stuiber mit einer Krämerei begonnen, Großvater Josef schuf nach der Vertreibung in Oberlindach, der neuen Heimat, die erste breite Basis zum weiteren Erfolg, Mutter Brunhilde Zwingel knüpfte daran an und Sohn Matthias baute dann in der Region ein kleines Verbrauchermarkt-Imperium auf.

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