Zeitzeugen-Berichte zum Kriegsende: Was Weisendorfer 1945 und danach erlebten


Hans Wormser war erster Nachkriegsbürgermeister in Weisendorf.

Hans Wormser war erster Nachkriegsbürgermeister in Weisendorf.

Wären im Zweiten Weltkrieg nicht auch Männer aus dem Marktort und seinen Ortsteilen zum Kriegsdienst eingezogen worden, die Bevölkerung hätte zunächst wenig von den Kriegshandlungen und den Folgen mitbekommen. Dies änderte sich aber gegen Kriegsende und dann mit Beginn der Besatzungszeit.

Von den damals Betroffenen leben nicht mehr viele. Auch Nachkommen können nur über von Eltern Erzähltes berichten. Wenig jedoch, man wollte über Geschehenes nicht mehr reden. Selbst der verstorbene Heimatforscher Walter Siegismund fasst sich recht kurz zum Kriegsgeschehen. Er schreibt, der gesamte Seebachgrund sei von Bombardements verschont geblieben. Nicht aber von Tieffliegern. So weiß Monika Butzbacher aus Erzählungen der Oma, dass die mehrmals beim Wäsche aufhängen im Garten an der Erlanger Straße beschossen wurde, genauso auch Arbeiter auf dem Feld. Luftalarm gab es häufig. Besonders wenn Nürnberg Ziel des Angriffs war. Dann suchten die Bürger im Bierkeller des Schlosses, im Felsenkeller der „Burg“ (später Anwesen Dr. Nadrau) oder im Keller des Amtsmannhauses (Rathaus) Schutz. Einige flüchteten in den eigenen Keller, erzählt Christoph Maier, so auch seine Familie, die dazu den Nachbarsfrauen und Kindern Schutz bot. Der alte Herr gehört zu den Zeitzeugen, der das Geschehen als 17-Jähriger hautnah erlebte. Aber dazu später.

Zunehmend wurde die Bevölkerung von den Nazis zur Arbeit herangezogen. So schellte 1944 der Gemeindeschreiber aus, dass jede Familie eine Person zum „Kartoffelkäfer suchen“ stellen müsse. Ob es diese geplante biologische Kriegsführung der Amerikaner wirklich gab, ist ungewiss. Während des Kriegs wurden junge Frauen zum Arbeitsdienst herangezogen. So auch in Weisendorf, wo sie im Tanzsaal des damals noch bewirtschafteten Gasthofs „Schwarzer Adler“ der Familie Stürmer Hausschuhe und Handtaschen aus Stroh hergestellt haben sollen. Später, so ein Dokument, sollen dies die Flüchtlinge übernommen haben. Februar 1945 kamen zusehends mehr Fremde in den Ort und Ortsteile. Deutsche Fahnenflüchtige versteckten sich in den Wäldern, russische Soldaten in deutschen Uniformen machten den Ort unsicher, in den Städten Ausgebombte suchten einen Unterschlupf, im Schloss arbeiteten zwölf französische Kriegsgefangene. Nach den Russen war kurz eine SS-Division im Ort, sie verschwand als die Amerikaner immer näher kamen.

Ihren Einzug im Ort hat Christoph Maier nicht erlebt, er war seit Anfang 1945 mit 17 Jahren zur Flak nach Frankfurt eingezogen. Im April war er in Fürth stationiert, die gen Nürnberg fliegenden Bomber zu treffen. Als die Jungen am Montag, 9. Mai mit Hakenkreuzbinde am Arm zur Verteidigung Nürnbergs sollten, meuterten sie beim Appell. Mit Erfolg. Alle, die im 16 km-Umkreis von Fürth Zuhause waren, durften mit einem Urlaubsschein heim! Die Amerikaner standen schon vor den Toren Fürths, die etwa zwölf Burschen kamen gerade noch zu Fuß durch.

In Weisendorf war bereits am Sonntag, 8. Mai, die Lage angespannt. Einige wenige Soldaten, geführt von einem Leutnant, wollten den Markt verteidigen. Älteren Weisendorfern gelang es, den Offizier zu überreden, ihr Vorhaben in einen Bereich außerhalb des Ortes zu verlagern. Die beiden SS-Angehörigen, die im kleinen Haus der Familie Paulus – gegenüber dem Gärtnerhaus – Stellung bezogen hatten, verjagte Bruder Johann Maier mit einer Peitsche. Auch das Vorhaben des Volkssturms, die Brücke über die Seebach zu sprengen scheiterte. Bruder Schorsch und drei Männer, alle zufällig auf Heimaturlaub, hatten die dazugehörige Munitionskiste bereits geklaut. Sie steht noch heute auf dem Dachboden des Maier-Hauses.

Als gegen 11 Uhr bereits Großneuses und Boxbrunn besetzt waren und die Amerikaner auf Oberlindach vorrückten – eine Radlerin hatte dies berichtet – trat Vater Maier dann den Amerikanern mit einem weißen Tuch entgegen. Es fiel kein Schuss. Die Panzersperren am Sauerheimer Graben waren aus Holz und kein Hindernis für die 4. Panzer-Division auf dem Weg nach Nürnberg. Bald hatten die Maiers neue Nachbarn. Die Besatzer stellten Ihr Wachhaus zur Kontrolle der Ausgangssperre direkt vor deren Haus.

Mit der Besatzung war eine neue politische Macht eingezogen. Mitte 1945 bestellte die US-Militärregierung den wieder aufgetauchten Hans Wormser zum Bürgermeister. Denn Wormser galt als unverdächtig, er war Halbjude. Schnell wurde er mit Problemen konfrontiert. Mai 1946 kam der erste Transport mit 200 Ausgewiesenen. Als Besitzer zweier Lastwagen holte er sie persönlich vom Bahnhof ab. Insgesamt 300 Menschen waren unterzubringen. Den Bau der Kairlindacher Schule initiierte er, bereits 1945 nahm er die Erweiterung des Friedhofs in Angriff. Auch dazu setzte er seine LKWs ein und karrte Sand heran. Den Bau des Leichenhauses finanzierte er über den damals üblichen Schwarzhandel, so steht es im Gedächtnisprotokoll, das Walter Siegismund zu einem Gespräch mit ihm angefertigt hat. Wormser hatte kühne Pläne: Aus dem Marktort sollte ein Wirtschaftszentrum werden. Ein Experte aus dem Ruhrgebiet kam, sagte an zwei Stellen Anthrazit-Steinkohle- Vorkommen voraus. Man grub 1946 bis auf 80 Meter Tiefe, ohne Erfolg. Das Landratsamt stoppte die Fördermittel. Auch eine Bahnlinie Büchenbach – Weisendorf – Traishöchstädt war geplant. Die Trasse der neuen Autobahn sollte im Süden am Mühlweiher vorbei führen. Karl-Theoder von Guttenberg hat dies angeblich verhindert.

Ab 1945 hatten die Amerikaner gezielt demokratische Strukturen aufgebaut, zunächst Unbelastete eingesetzt. Allmählich entstanden einige politische Parteien. 1948 kamen mit der D-Mark die Währungsreform und Landtags- und Kommunalwahlen. Weisendorf wählte Bürgermeister Hans Wormser ab.

 

Die Erinnerungen von Zeitzeuge Werner Weber

Das Kriegsende ist 70 Jahre her. Es gibt kaum noch Zeitzeugen. Doch das auch die Aufzeichnungen des Heimatforschers Walter Siegismund nicht unanfechtbar sind, beweist Zeitzeuge Werner Weber. Er meldete sich nach den Recherchen zu obiger Geschichte zu Wort. Zu den Verdiensten des von den Amerikanern 1945 eingesetzten Bürgermeisters Hans Wormser, der unter anderem ein Leichenhaus bauen ließ, finanziert „durch den damals üblichen Schwarzhandel“, hat Weber Widerspruch angemeldet: Er lebte zu Kriegsende mit seiner Familie in der damals noch eigenständigen Gemeinde Neuenbürg/Reinersdorf, wo sein Vater der Bürgermeister war – zunächst von den Amerikanern eingesetzt und dann bis 1966 geblieben. Damals, so erinnere er sich genau, habe er als Sechsjähriger miterlebt, wie der Wormser-Lastwagen Ziegel von der Scheune des Schachtner-Anwesens in Neuenbürg abtransportiert habe. „Rückwärts ist er in den Hof gefahren.“ Dann hätten die Helfer aus Weisendorf begonnen, die Scheune abzudecken. Sein Vater habe die Aktion „durch das Landratsamt einstellen lassen“. Die bereits abgenommenen Ziegel seien dann auf dem Dach des Weisendorfer Leichenhauses gelandet. Und blieben drauf bis in die 90er-Jahre, als eine neue Leichenhalle gebaut worden sei, so Werner Weber, von 1978 bis 1984 Neuenbürg/Reinersdorfer Ortssprecher und nach deren Eingemeindung über drei Legislaturperioden, also 18 Jahre, Gemeinderat und dritter, zuletzt Zweiter Bürgermeister in Weisendorf.

Auch Zeitzeuge Christoph Maier bestätigt auf Nachfrage, dass damals das Leichenhaus mit „gebrauchten Ziegeln“ gedeckt worden sei. Von wem und woher sie kamen, das sei ihm unbekannt.

Werner Weber dagegen wusste bei seinem Einspruch noch mehr. Hans Wormser habe sich – entgegen dem Artikel – gar nicht um den Schulbau außerhalb Weisendorfs kümmern können. Denn die heutigen Ortsteile waren bis zur Gebietsreform selbstständige Kommunen. Einzügige Schulen – damals üblich – habe es gegen Kriegsende in Rezelsdorf, Boxbrunn und Kairlindach schon seit Jahrzehnten gegeben.

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