Spannende Berichte von Zeitzeugen: Wie die Jugend den Schlosspark eroberte


Eigentlich war der zum Schloss gehörige Park in der Ortsmitte bis Ende der 50er-Jahre der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wie der Park dennoch zu einem Lieblingstreffpunkt wurde, dazu haben einige alteingesessene Bürger und Bürgerinnen erzählt und in ihren Erinnerungen gekramt.

„Wir haben keinen Kinderspielplatz gebraucht“, versichert eine Anwohnerin, die nahezu zwei Jahrzehnte bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs den Park als ihr zweites Zuhause betrachtet hat, obwohl das Areal, das damals noch nicht vom Schloss getrennt war, ringsum bis 1957 eingezäunt gewesen sei. Teils mit einer hohen Mauer, teils einem niedrigeren Holzzaun, die Kinder wussten sich stets zu helfen. Mit dem System „Steicherbeichel“ (sprich Steigbügel) , bekannt auch als „Räuberleiter“ nämlich gelang es, in den Park zu klettern. Oder auf den Holzlattenzaun zu setzen. Bei dem, so weiß noch Georg Paulus, der seit seiner Kindheit gegenüber dem Gärtnerhaus wohnt, konnte man einige Bretter zur Seite schieben, schnell durchschlüpfen und sie dann wieder in Position bringen. Monika Butzbacher kraxelte durch erste Löcher im Zaun, um den Weg zum evangelischen Schulhaus – heute steht dort das Sparkassengebäude – abzukürzen.

Etwas schwieriger war es dagegen, dem für den Park zuständigen Aufseher zu entkommen. Manche erinnerten sich an einen Hans, andere hatten einen Hannes erlebt, der in einer Holzhütte neben der Zehntscheune wohnte. Und jeden jagte, der sich unrechtmäßig im Park aufhielt. Sogar Marie Theres, die jüngste der vier Kinder der Familie von und zu Guttenberg, vorausgesetzt sie konnte ihrer Gouvernante entkommen. Denn bis Kriegsbeginn habe die Baronsfamilie den Sommer stets in Weisendorf verbracht. Die bald 88-jährige Zeitzeugin, gleichaltrig mit Marie Theres, schmunzelt vergnügt im Wissen, dass sie meist schneller als der Aufseher waren und dann im dichten Buschversteck Schutz fanden.

Wunderbar spielen ließ es sich im weitläufigen Parkgelände mit mächtigen Laubbaumgruppen, Wiesen, bunt blühendem Buschunterwuchs und zwei den Park querenden Wassergräben, so die einhellige Meinung. Auf dem oberen der beiden seien Ende der 50er-, anfangs der 60er-Jahre im Winter die Jungs dort sogar Schlittschuh gelaufen, erinnert sich Georg Paulus. Und die älteste Zeitzeugin erzählt von dem besonderen Spaß, auf der Nordseite des Schlosses in zwei, drei Meter hohe „Höhlen“ zu kriechen. Dort standen mächtige Rhododendronbüsche, die im Winter dick mit Stroh verkleidet waren und so zu Höhlen wurden. Im Sommer dagegen spielten die kleinen Mädchen auf den Stufen zur Erlanger Straße gern Hochzeit. Jahre später trafen sie sich dann mit Jungs heimlich im Rosengarten oder an der „Seufzerbrücke“, die im Bogen über den Bach auf dem heutigen Privatareal führte. Warum sie so hieß? Manche junge Liebe soll dort auch geendet haben.

Und dann gab es im Park noch die vielen Skulpturen und Putten zu bewundern, die ab 1957, als der Zaun fiel, für die Erwachsenen beliebte Fotomotive wurden. Vor einer Skulptur aber hatten die Kinder Angst. Einen Löwen oder sogar Teufel haben sie in ihr vermutet. Heute existiert keine dieser Skulptur mehr, sie sind spurlos verschwunden. Bis auf die „Vier Jahreszeiten“, die früher den Bereich um das Schloss schmückten. Sie stehen heute im Kurpark von Bad Neustadt / Saale. Der Baron soll sie höchstpersönlich der Stadt vermacht haben, versichert Monika Butzbacher, der der Park noch immer am Herzen liegt. Auch der ältesten Zeitzeugin. Sie hat die Veränderung des Parks hautnah erlebt. Die Verwilderung der Buchenallee und des Wegesystems, den Niedergang der Gärtnerei mit Gewächshaus im Bereich hinter dem Gärtnerhaus, den Abriss der Orangerie. Die musste nahe der Nordkreuzung einer großen Halle für den Postbus weichen, der Weisendorf damals drei Mal am Tag mit Erlangen verband und später während des Kriegs durch einen Lastwagen ersetzt worden war. Der Schlosspark verfiel, wurde in einen privaten und öffentlichen Bereich geteilt.

So entstand der Schlossgarten. Er wird Thema der nächsten Folge sein.

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2 Kommentare

  1. […] im ersten Teil unserer dreiteiligen Schlossgarten-Serie, wie sich Weisendorfer an ihre Kindheit und Jugend im […]

  2. […] im ersten Teil unserer dreiteiligen Schlossgarten-Serie, wie sich Weisendorfer an ihre Kindheit und Jugend im […]

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