Der „Liederkranz“ hat sich selbst abgeschafft – Außerordentliche Mitgliederversammlung votierte mit knapper Mehrheit für die Auflösung


Im nächsten Jahr hätten sie ihr 125-jähriges Jubiläum gefeiert. Dennoch. „Einmal muss man aufhören“, rechtfertigte der zweite Vorsitzende Werner Dillinger seinen erneuten Vorstoß, den Verein aufzulösen. Eine knappe Mehrheit – 18 Sänger und Sängerinnen – folgten ihm.

Bereits im Januar bei der Jahreshauptversammlung hatten die Herren des vier-köpfigen Vorstands, Werner Dillinger und Kassier Ortwin Fischer angestrebt, den Gesangverein aufzulösen. Ein Formfehler stand dem jedoch entgegen. Am Dienstagabend waren die aktiven wie passiven Mitglieder jetzt zur Außerordentlichen Mitgliederversammlung gerufen, 23 Stimmberechtigte waren erschienen. Und die Hoffnung der beiden Damen des Vorstands, der ersten Vorsitzenden Anni Lux und Schriftführerin Maria Conci groß, dass die für die Auflösung erforderliche Dreiviertel-Mehrheit nicht zustande kommen würde. Auch Chorleiterin Susan Ehlert, gehörte zu den Hoffenden. Sie hätte heuer ihr 10-jähriges Chorjubiläum gefeiert. Es gab noch einige, meist Sängerinnen, die gerne weiter gesungen hätten. Aber offenbar war der Druck der Abstimmung per Akklamation groß. Zudem war diese Variante sehr unübersichtlich, so dass der Vorgang mehrmals wiederholt werden musste. Bis feststand, dass 18 Mitglieder die Hand für die Auflösung gehoben haben, vier dagegen, dazu eine Enthaltung. Die Hoffenden waren enttäuscht, traurig, auch erbost, wie später zu erfahren war.

Das Fazit von Werner Dillinger fiel nüchtern aus. Etliche im Chor hätten sowieso aufgehört, meist aus Altersgründen. Insofern sei es „vernünftig“ gewesen, den Verein aufzulösen, auch wenn er 1891 als Männergesangverein gegründet, so lange Zeit überdauert habe. Jetzt stünde noch die finanzielle, bürokratische und rechtliche Abwicklung an. Besonders die Diskussion um das vorhandene Eigentum brachte nochmals Bewegung in die Versammlung. Wohin mit der altehrwürdigen Fahne, den Bildern, den vielen Noten? Letztere, so ein Vorschlag, sollten geschreddert werden. Was nicht nur das Temperament der Chorleiterin in Wallung brachte. Man werde eine vernünftige Lösung finden, lautete ein gütlicher Vorschlag. Vielleicht wenn man sich künftig – um die bisherige Gemeinschaft nicht ganz aufzugeben – stets am zweiten Dienstag eines Monats trifft. Nachmittags 15 Uhr, erstmals am 10. März beim „Beck“.

Der Vorsitzenden Anni Lux blieb das ultimative Schlusswort. Sie dankte allen Mitgliedern und denen, die sich für den Liederkranz eingesetzt hatten. Besonders aber Susan Ehlert, die „es nicht immer leicht mit uns gehabt hat“. Auch an Dieter Schmerler ging ihr Dank. Er vertrat bei Bedarf die Chorleiterin .

Traurig und dennoch „befreit“ war auch Anneliese Lorenz. Als 14-Jährige sei sie damals in den „Liederkranz“ eingetreten, erzählt sie nach der Versammlung im Pressegespräch. Genau in dem Jahr, als 1951 der bis dahin reine Männerchor sich auch für Frauen öffnete und zusätzlich ein gemischter Chor gebildet wurde. Über 64 Jahre sei sie dem Chor treu geblieben, hätte aber auch bei Fortbestand des Chors jetzt mit dem Singen aufgehört. Sie ist mit ihren 78 Jahren übrigens die letzte Lebende der damaligen ersten Sängerinnen.

 

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